Ein Selbstverteidigungssystem muss immer vom Ausgangsproblem ausgehen: von Gewalt.
Dabei stellt sich die Frage: Welche Form von Gewalt droht der jeweiligen Person?
Im Training unterscheide ich je nach Lebenssituation und Hintergrund: Beruf, persönliche Eigenschaften, Ängste, Erfahrungen, alltägliche Herausforderungen.
Ein Türsteher braucht andere Schwerpunkte als ein Krankenpfleger. Und derselbe Krankenpfleger braucht wiederum eine andere Vorbereitung, je nachdem ob er per Anhalter durch Brasilien reist oder ob er im ruhigen Berliner Vorort lebt.
Es gibt bei Männern und Frauen Überschneidungen, aber insgesamt sind Frauen häufiger mit anderen Bedrohungen konfrontiert:
- Formen von Gewalt: sexualisierte Gewalt, häusliche Gewalt, körperliche Angriffe aufgrund körperlicher Unterlegenheit, psychische Gewalt, Belästigung, Unterdrückung.
- Ziele von Gewalt: Missbrauch, Kontrolle, Demütigung, Verletzung, sexuelle Übergriffe, Raub, im Extremfall Mord.
- Täterprofile: Meist Männer, oft körperlich überlegen. Häufig handelt es sich nicht um Fremde, sondern um Personen aus dem näheren Umfeld – Vater, Bruder, Partner, Onkel, Bekannte.
Fremde Täter
Wenn Fremde Täter sind, geht es oft um Sondierung:
- Wen greift man eher an? Meist Frauen, die weniger selbstbewusst wirken.
- Täter suchen abgelegene Orte, locken mit Tricks oder nutzen Mittel wie K.O.-Tropfen.
- Tatorte sind Parks, öffentliche Verkehrsmittel, Bars, Clubs – oder Orte, wo Frauen allein unterwegs sind.
Trainingshinweise:
- Gefahren früh erkennen.
- Riskante Situationen vermeiden.
- Manipulation durchschauen und unterbrechen.
- Selbstbewusstsein und Wehrhaftigkeit stärken.
- Techniken üben, die Angriffe kurzzeitig abwehren und Aufmerksamkeit erzeugen.
Häusliche Gewalt
Das Kernproblem vieler Frauen ist jedoch die Gewalt in den eigenen vier Wänden.
Hier ist die größte Schwierigkeit, einen externen Blick auf die eigene Situation einzunehmen. Viele Frauen würden von außen betrachtet niemals akzeptieren, was sie selbst über Jahre hinweg ertragen.
Das ist vergleichbar mit dem bekannten Bild des Frosches im Wasser: springt er in kochendes Wasser, hüpft er sofort heraus; wird das Wasser aber langsam erhitzt, bleibt er sitzen. Genau so wirken schleichende Gewöhnung, Manipulation und gesellschaftlicher Druck.
Erschwerend kommt hinzu:
- mangelndes Selbstvertrauen,
- weniger Gewaltbereitschaft,
- früh erlernte Missachtung der eigenen Bedürfnisse (oft schon in der Kindheit durch gewalttätige Väter).
Dadurch entstehen Bindungsmuster, die im Erwachsenenalter erneut zu Partnerschaften mit Gewalt führen.
Frauen werden oft aus anderen Gründen Opfer als Männer, und die Gewalt nimmt meist eine andere Form an. Selbstverteidigung muss diese Unterschiede berücksichtigen – mit Fokus auf psychische Gewalt, Manipulation und körperliche Unterlegenheit, nicht aus reiner Kampfsport-Perspektive.
Zusammenfassung
- Selbstverteidigung orientiert sich an der Art der Bedrohung.
- Männer und Frauen erleben unterschiedliche Gewaltformen.
- Gewalt gegen Frauen: häufig sexualisierte, psychische oder häusliche Gewalt.
- Täter sind meist Männer, oft aus dem direkten Umfeld.
- Fremde Täter: nutzen Sondierung, Tricks, abgelegene Orte, K.O.-Tropfen.
- Häusliche Gewalt: schwer zu erkennen, da Betroffene sich schleichend an Erniedrigung gewöhnen.
- Viele Frauen lernen schon als Kinder, ihre Bedürfnisse zu unterdrücken – Gewaltmuster setzen sich im Erwachsenenalter fort.
- Selbstverteidigungstraining muss auf diese Besonderheiten eingehen, nicht nur auf körperliche Techniken.
Kurzfassung der angeratenen Methode (bei häuslicher Gewalt)
- Externe Perspektive stärken: Betroffene lernen, die eigene Situation „von außen“ zu betrachten.
- Selbstwert aufbauen: Förderung von Selbstvertrauen und Selbstachtung.
- Manipulation erkennen: Typische Muster von Kontrolle, Schuldumkehr und psychischem Druck bewusst machen.
- Handlungsoptionen aufzeigen: Grenzen setzen, Unterstützung suchen, Ausstiegsschritte planen.
- Körperliche Techniken (spielen nur eine Nebenrolle – entscheidend sind Klarheit, Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, Hilfe einzufordern): Techniken, die auch bei körperlicher Unterlegenheit effektiv sind. Dazu zählt im Grunde nur der Shredder, das Greifen in die Augen, das Greifen und Reißen am Kehlkopf und Genitalien sowie Beißen. Die Umgebung und die Situation (auch bei häuslicher Gewalt spielt der Hinterhalt als Angriffsform eine übergeordnete Rolle) lassen oftmals nichts anderes zu.
Effektives Training:
- Szenario-Training: Im Rollenspiel müssen Bedrohungs- und Angriffsformen, die der Realität entsprechen, durchgespielt werden. Ohne zu überfordern, ohne zu traumatisieren.
- Shredder-Techniken: Langsam aber stetig muss hingeführt werden zu der Angriffsform. Das Suchen empfindlicher Ziele (Augen, Kehlkopf) mit Finger(nägeln) im Gerangel. Manipulation des Kopfes, taktile Sensitivität und konsequentes Angreifen müssen geübt werden.
- Flucht: Eine Selbstverteidigungssituation muss in erster Linie überstanden werden – das Besiegen des Gegners ist nicht das (wichtigste) Ziel. Demnach muss das Verlassen der Lage immer Ziel bei Vermeidung und Kampf sein, auch, wenn der Aggressor versucht, das zu verhindern.
- Kopf schützen: Auch bei Gewalt gegen Frauen spielen Hiebe eine Rolle. Eine einfache Technik wie der Helm („Rhino-Defense“, „Full-Cover“), gekoppelt mit Gegenangriff oder Flucht-Routen.
- Schlagtechniken: spielen eine untergeordnete Rolle. Dennoch kann es sinnvoll sein, z.B. mit der offenen Hand oder dem Ellenbogen zu schlagen/ stoßen. Hier hat sich bewährt, auch mentales Training daran zu koppeln.
- Mentales Training: Wofür bin ich bereit, zu kämpfen? Oft ist es ein stärkerer Motor, für andere einzustehen, als für sich selbst. In jedem Falle sollte die Vorbereitung auf eine Gewaltsituation Motivation und Energiegewinnung beinhalten. Rufe im Geiste das Bild der eigenen Kinder ab, schreie „MIT MIR NICHT“ während du schlägst.
Wie in der 1. Hilfe gilt: Untätigkeit ist schlimmer, als Fehler zu machen.